Wie die DDR Halberstadts jüdisches Erbe systematisch tilgte und vergass
Paul MüllerWie die DDR Halberstadts jüdisches Erbe systematisch tilgte und vergass
Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht das getilgte jüdische Erbe Halberstadts in der DDR
Unter dem Titel „Verweigerte Erinnerung“ legt der Historiker Philipp Graf eine Studie vor, die aufzeigt, wie die einst blühende jüdische Gemeinschaft Halberstadts systematisch zerstört wurde – und wie die DDR später versagte, ihr Gedenken zu bewahren.
Die jüdische Gemeinde der Stadt, einst ein Zentrum des neo-orthodoxen Judentums, wurde zwischen 1938 und 1942 ausgelöscht. Den Anfang machte 1938 die Zerstörung der Synagoge, die Pastor Martin Gabriel später als Beginn von Halberstadts eigenem Untergang bezeichnete. 1961 war Willy Calm der letzte überlebende Jude der Stadt – offiziell noch Ansprechpartner für eine Gemeinschaft, die es nicht mehr gab.
1949 entstand am Standort des ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte. Ursprünglich den Opfern von Zwangsarbeit gewidmet, wurde sie 1969 zu einem politischen Versammlungsort umgestaltet. Die neue Anlage stand über den Gräbern von Häftlingen, während die unterirdischen Stollen des Lagers später als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee der DDR umfunktioniert wurden.
Grafs Forschung zeigt, wie die DDR jüdische Kultur trotz vereinzelter Ausnahmen – etwa der Musik Lin Jaldatis oder den Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – weitgehend ignorierte. Sein Buch argumentiert, dass die antifaschistische Rhetorik der DDR eine tiefere Gleichgültigkeit gegenüber jüdischer Geschichte überdeckte. Die Studie fordert zudem eine Neubewertung alter politischer Denkmuster und warnt, dass Instrumente gegen Antisemitismus und Autoritarismus – bereits 1949 und 1989 vorhanden – vernachlässigt oder verworfen wurden.
Die Erkenntnisse widersprechen lang gehegten Annahmen über den Umgang der DDR mit ihrer Vergangenheit. Statt jüdisches Erbe zu bewahren, nutzte der Staat es um oder tilgte es – selbst während er sich als Antifaschist inszenierte. Grafs Arbeit deckt die Kluft zwischen Ideologie und Praxis der DDR auf. Das Buch dokumentiert nicht nur Halberstadts verlorene jüdische Geschichte, sondern mahnt auch, kritisch zu hinterfragen, wie Autoritarismus – ob von rechts oder links – das kollektive Gedächtnis verzerren kann. Die Studie erscheint zu einer Zeit, in der die Debatten über den Umgang mit Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus im heutigen Deutschland anhalten.






