Wie die AfD in Baden-Württemberg mit Ängsten der Arbeiter punkten will
Paul MüllerWie die AfD in Baden-Württemberg mit Ängsten der Arbeiter punkten will
Baden-Württemberg, Deutschlands Region mit den höchsten Löhnen, sieht sich wachsender Arbeitsplatzunsicherheit gegenüber, während Großarbeitgeber wie Daimler und Bosch Stellenabbau ankündigen. Vor diesem Hintergrund verzeichnet die rechtsextreme AfD einen deutlichen Popularitätsschub und liegt in Umfragen bei 20 Prozent – weit über ihren traditionellen Hochburgen in Ostdeutschland. Die Partei wirbt gezielt um Arbeiterstimmen, verknüpft wirtschaftliche Ängste mit antielitärer Rhetorik und gewinnt so Einfluss in Gewerkschaften und Betrieben.
Seit 2022 umwirbt die AfD systematisch Industriearbeiter: mit Fabrikkundgebungen, Social-Media-Kampagnen zu Löhnen und Veranstaltungen, auf denen sie sich als Beschützerin vor "linken Eliten" inszeniert. In Stuttgart und Mannheim traten AfD-Prominente wie die Co-Vorsitzende Alice Weidel und Oliver Hilburger, Vorsitzender des Zentrum Automobil mit Verbindungen in rechtsextreme Netzwerke, gemeinsam bei Betriebsprotesten und Arbeitnehmerforen auf. Ihre Zusammenarbeit erstreckt sich auf gemeinsame Online-Plattformen und gegenseitige Unterstützung, wie Recherchen von Correctiv und der Stuttgarter Zeitung zeigen.
Die Strategie erinnert an Vorschläge des rechtsextremen Ideologen Benedikt Kaiser, der sowohl Angriffe auf Gewerkschaften als auch deren Unterwanderung propagierte. Unterdessen warnt der AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier vor einem "Detroit 2.0" und schürt damit Ängste vor industriellem Niedergang. Der Industriesoziologe Klaus Dörre beobachtet, dass sich Arbeiter, die sich abgewertet fühlen, ihre Wut oft gegen Migranten und Sozialhilfeempfänger richten – statt gegen die Unternehmensführungen.
Doch es gibt Widerstand. Im Bosch-Werk Waiblingen führten Stellenstreichungsdrohungen zu Protesten gegen die Geschäftsführung, nicht zu rechtsextremer Unterstützung. Danial Bamdadi, ein 30-jähriger Extremismuspräventionsbeauftragter der von IG Metall getragenen Vereinigung zur Bewahrung der Demokratie, arbeitet dagegen an, indem er übergreifende Solidarität stärkt. Gewerkschaften, so seine Argumentation, müssten den Druck nach oben lenken – mit klaren Alternativen zum AfD-Slogan "Mehr Netto vom Brutto!" – statt Protestwählern das Feld zu überlassen.
Die Erfolge der AfD bei baden-württembergischen Arbeitern speisen sich aus wirtschaftlicher Verunsicherung und gezielter Ansprache, wobei Verbindungen zu extremistischen Gruppen dokumentiert sind. Während manche Wähler die Partei aus Protest unterstützen, mobilisieren Gewerkschaften und Aktivisten gegen ihre Narrative. Entscheidend wird sein, ob es der Arbeiterbewegung gelingt, den Fokus von Migranten und Eliten auf unternehmerische Verantwortung und konkrete Lohnforderungen zu verlagern.






