Streit um Deutschlands Arzneimittelknappheit: Wer trägt die Schuld an den Engpässen?
Miriam AlbrechtStreit um Deutschlands Arzneimittelknappheit: Wer trägt die Schuld an den Engpässen?
Heftige Debatte auf der Handelsblatt-Jahrestagung über Deutschlands Arzneimittelversorgungslücken
Auf der diesjährigen Handelsblatt-Konferenz entbrannte eine hitzige Diskussion über die Verwundbarkeiten der deutschen Arzneimittelversorgung. Vertreter der Pharmaindustrie und Krankenkassen gerieten über die Bewältigung der Engpässe, die durch die COVID-19-Pandemie offengelegt wurden, aneinander. Die Krise zeigte, wie stark Deutschland von der asiatischen Produktion abhängig ist.
Während der Pandemie führten Exportstoppmaßnahmen Indiens zu schweren Arzneimittelknappheiten in Deutschland. Dies machte die Risiken der Auslagerung von Produktionsstätten deutlich und löste Forderungen nach einer Stärkung der heimischen Herstellung aus. Kritiker bezeichneten das 2023 verabschiedete ALBVVG-Gesetz als unwirksam, während andere auf eine von der EU unterstützte Diversifizierung der Lieferketten drängten.
Scharfe Kontroversen zwischen Pharma-Managern und Kassenvertretern
Die Stimmung auf der Konferenz war angespannt: Thomas Weigold, Chef von Sandoz/Hexal Deutschland, wies Gespräche als unzureichend zurück und forderte mehr Eigenständigkeit bei Antibiotika und Generika. Den geplanten EU-Indien-Freihandelsabkommen nannte er "absurd" – mit der Warnung, dies werde die Abhängigkeit von Asien noch verstärken.
Tim Steimle von der Techniker Krankenkasse (TK) entgegnete, Deutschland habe bereits Vorräte für sechs Monate angelegt. Er verteidigte Rabattverträge als Versorgungsvereinbarungen, räumte jedoch ein, dass Kinderarzneimittel weiterhin gefährdet seien. Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, hielt dem entgegen, dass sechsmonatige Reserven ohne klare Krisenszenarien sinnlos seien.
Forderungen nach langfristiger Autonomie und Investitionen
Dr. Kai Joachimsen vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) betonte, die Bevorratung von Generika sei praktisch nicht umsetzbar. Er bezeichnete Gesundheitspolitik als gleichzeitig Industrie- und Sicherheitspolitik und mahnte langfristige Unabhängigkeit an. Inanc unterstützte diese Position und warnte, dass die Widerstandsfähigkeit der Logistik keineswegs garantiert sei.
Während die Industrie dringende Investitionen fordert, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern, wiesen die Krankenkassen solche Bedenken als übertrieben zurück. Die Fronten sind damit klar: Während die Kassen behaupten, die Lagerziele seien erreicht, verlangen die Hersteller strukturelle Veränderungen, um die ausländische Abhängigkeit zu reduzieren.
Ungeklärte Fragen zur Zukunft der Arzneimittelversorgung
Die Debatte offenbart tiefe Gräben in der deutschen Pharmastrategie. Während die einen auf erreichte Lagerbestände verweisen, pochen die anderen auf grundlegende Reformen für mehr Versorgungssicherheit. Ungelöst bleibt die Frage, wie Europa seine Arzneimittellieferketten langfristig widerstandsfähiger gestalten kann.






