Rentner wird wegen "Pinocchio"-Kommentars über Kanzler Merz ermittelt – US-Diplomatin übt scharfe Kritik
Paul MüllerRentner wird wegen "Pinocchio"-Kommentars über Kanzler Merz ermittelt – US-Diplomatin übt scharfe Kritik
Deutsche Polizei ermittelt gegen einen Rentner, der Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Facebook-Kommentar als "Pinocchio" bezeichnete. Der Fall hat Kritik einer hochrangigen US-Diplomatin ausgelöst und wirft Fragen nach Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Deutschland auf.
Die Ermittlungen folgen auf Merz' Besuch in Heilbronn Ende Oktober 2025, bei dem mehrere Social-Media-Nutzer wegen beleidigender Äußerungen über den Kanzler nach deutschen strengen Beleidigunggesetzen ins Visier der Behörden gerieten.
Der Name des Rentners, der unter einem Facebook-Post der Heilbronner Polizei zu Merz' Besuch den Begriff "Pinocchio" zusammen mit einem Langnasen-Emoji verwendete, wurde nicht bekannt gegeben. Die Behörden prüfen, ob der Beitrag gegen Paragraf 188 verstößt – ein Gesetz, das Beleidigungen von Amtsträgern unter Strafe stellt und mit Haftstrafen von bis zu fünf Jahren ahnden kann.
Nicht zum ersten Mal sorgt Paragraf 188 für Kontroversen. 2024 durchsuchte die Polizei die Wohnung eines anderen Rentners, der einen Minister als "Idioten" bezeichnet hatte. Die rechtspopulistische AfD hatte im Januar 2025 vergeblich die Abschaffung des Gesetzes gefordert; der Bundestag lehnte den Antrag ab.
Der Fall zieht nun internationale Aufmerksamkeit auf sich. Die US-Diplomatin Sarah Rogers verglich die Ermittlungen mit "Majestätsbeleidigung" – einem historischen Straftatbestand der Beleidigung von Monarchen – und warnte vor einer einschüchternden Wirkung auf die freie Meinungsäußerung. Zudem verwies sie auf grundsätzliche Spannungen: Die Trump-Regierung lehnt europäische Gesetze zur Inhaltsregulierung ab, da sie mit dem Ersten Verfassungszusatz der USA kollidieren würden, der die Rede- und Pressefreiheit schützt.
In der Vergangenheit hatten deutsche Politiker ähnliche Formulierungen ohne rechtliche Konsequenzen verwendet. Sowohl die Grünen-Politikerin Franziska Brantner als auch der AfD-Abgeordnete Stephan Brandner hatten Merz in Social-Media-Beiträgen bereits als "Pinocchio" bezeichnet. Diese Ungleichbehandlung nährt Vorwürfe einer selektiven Rechtsdurchsetzung.
Die Ermittlungen laufen weiter; die Sicherheitsbehörden stufen die Kommentare als mögliche Straftaten ein. Der Fall unterstreicht die anhaltende Debatte über deutsche Beleidigunggesetze und deren Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs.
Unterdessen spiegelt die Haltung der US-Regierung die tieferliegenden Differenzen zwischen dem amerikanischen und europäischen Umgang mit der Regulierung von Online-Äußerungen wider.






